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Wenn Angela Merkel sich um die Krise der modernen Ehe so viel Sorgen machen würde ...
Da läuft was schief, Leute: die ganze Welt, samt Regierungen, Parlamenten, Aufsichtsräten, Banken, einfachen Sparbuchbesitzern und Harz IV Empfängern haben sich wegen der Finanz- und Bankenkrise fürchterlich aufgeregt. Über die allmähliche Krise der Ehen und Partnerschaften scheint sich keiner so richtig aufzuregen. Obwohl gerade sie die Grundlage jeder Gesellschaft darstellen sollen – viel mehr als die Kreditinstitute. Die Beichte Diese Wochen und Monate fühle ich mich mehr mit meinem Finanzberater tief verbunden als mit meiner Partnerin. Ich suche irgendwie seine Nähe, ich denke oft an ihn, rufe ihn an, bin um seine Aufmerksamkeit sehr bemüht – so ähnlich wie in der Zeit der ersten Verliebtheit mit meiner jetzigen Partnerin. Und ich bin Null schwul! Der Typ ist auch nicht einmal sympathisch im allgemein menschlichen Sinne. Also, an ihm als Mann wird es wohl nicht liegen – ich meine, mein großes Interesse an dem Kontakt mit ihm.
 Ja natürlich, es geht um meine lieben Geldanlagen, die er verwaltet, es geht um die Weltfinanzkrise, um dieses Gespenst, das uns alle so existenziell bedroht. Und er, mein unsympathischer Finanzberater, ist dadurch zum Prinz auf dem weißen Schimmel aufgestiegen, er ist mein Beschützer, mein Retter, Ritter und Messias.
Die verschobene Realität
Ich war neulich wieder mit meinem guten Freund Max Kaffee trinken. Und stellt euch vor, worüber haben wir die ganze Zeit gesprochen? Über die Finanzkriseeeeee! Oh Mann, ich krieg die Krise! Ich fühl mich verfolgt, gejagt, bedroht.
Wie schön war es früher, mit dem Max über die Frauenjagd zu reden. Der ist nämlich ein „date doctor“! Ein echter, deutschlandweit berühmter Spezialist der Verführungskunst. Wir gingen so ein bis zwei Mal im Monat einen trinken und er hat immer viele total interessante Geschichten erzählt, von den Workshops, von der Arbeit mit Männern, die sich sonst für sehr erfolgreich halten, bei denen aber die (lebenswichtige) Sache mit den Frauen irgendwie auf der Strecke geblieben ist. Er hat mir erzählt wie die großen, starken Top-Manager und Computer-Spezialisten ins Schwitzen kommen, wenn sie eine Frau in einer Shopping-Mall ansprechen sollen und wie er, mein Max, sie mit dem Fernsprechgerät lotst und ermuntert, als ob sie KSK-Kommandos mitten in einem gefährlichen Einsatz in Bagdad wären.
Die Jagd an sich
Was mir in diesen sehr interessanten Gesprächen aufgefallen ist, ist die etwas komische Einstellung zu den „gejagten“ Frauen. Sie waren immer als potentielle Gefahr für seine Schützlinge eingestuft. Sie hätten nämlich immer ablehnend reagieren können oder auslachend sogar. Man musste sie immer gut „einkesseln“ können, ihnen „den Weg passend versperren“, sie „in die Ecke drängen“…
Da dachte ich mir: Ja, was wollen die Jungs denn eigentlich von diesen Frauen? Sind das für sie nur Trophäen?! Haben sie denn auch eine andere Funktion als das Selbstwertgefühl seiner Mandanten zu stärken? Was soll denn geschehen, wenn eine der Frauen tatsächlich Interesse hätte, wenn sie sich in den Kommando-Mann verlieben sollte? Wie soll er sich dieser Frau wahrlich öffnen und in eine Partnerschaft einlassen? Und wenn die Partnerschaft zustande kommt, beichtet er ihr irgendwann einmal, dass sie eigentlich sein Jagdziel war? Gibt er seine Schwächen zu, seine Ängste und Komplexe, die er durch das date-doctor-Training noch tiefer verstecken wollte? Der Kampf in den Betten
Na ja! Das ist eher unwahrscheinlich, oder?! Viel wahrscheinlicher wird er versuchen, die eigenen Schwachstellen gut zu verstecken, die Stärken und Vorteile „nach vorne“ zu bringen… so wie sein Coach Max es ihm beigebracht hat. Er wird sogar versuchen, ihre Schwachstellen (der erfolgreich gejagten Frau) zu entdecken und sie dort „zu kriegen“. Wie viel Konkurrenzgefühl ist dabei?! Wie viel Feindschaft sogar! Wie viel Angst und Misstrauen, Machtkämpfe. Bei den Frauen wahrscheinlich genauso: dass er bloß nicht die Zellulitis-Stellen an meinem Popo sieht, deshalb besser von vorne zuerst und wenn er voll in Gang gekommen ist, dann sieht er sowieso nichts, dann kann ich meine Nach-teile zu seinen Vor-teilen drehen… denkt die „arme Gejagte“.

So geht es aber auch im Allgemeinen in unseren Betten zu. Egal ob wir uns über einen date-doctor-Workshop kennen gelernt hatten oder in der Bar, in der Disco, bei der Geburtstagsparty der besten Freundin oder wo auch immer. Egal auch, ob wir eine teure Ausbildung diesbezüglich gemacht haben oder sozusagen normalsterbliche Laien sind. Der Konkurrenz -Gedanke, der die Gesellschaft beherrscht, nicht nur die Börsen, herrscht dann auch in der Intimsphäre. Deshalb gibt es so viele kurze und oberflächliche Beziehungen. Deshalb floriert das Geschäft der Partnerschaftsvermittlungs-Agenturen. Deshalb lassen sich die Leute so oft hierzulande und in der ganzen westlichen Zivilisation scheiden. Deshalb dauert die Durchschnitts-Ehe nur 6 bis 7 Jahre. Deshalb sind die Praxen für Psychologische und Partnerschafts-Beratungen dermaßen voll. 
Moment mal!?!
Aber warum kämpfen wir so erbittert gegen einander? Wieso sehen wir Feinde dort, wo unsere Nächsten sein sollten? Warum bekämpfe ich das Wesen, mit dem ich mein Leben (oder mindestens einen größeren Teil davon) zusammen verbringen will? Wieso misstraue ich dem Vater/der Mutter meiner Kinder? Warum mache ich sie dann überhaupt mit ihm/ihr?
Wenn ich mich richtig erinnern kann, wollte ich doch ursprünglich so gerne jemanden finden, dem ich mein Feinstes, Empfindsamstes zeigen und anvertrauen kann. Jemanden in dessen Armen ich mich wohl fühle, geborgen, verstanden, akzeptiert, geliebt, wo ich voll aufblühen kann wie eine Wüstenrose, wenn sie auf eine Oase mit Wasser trifft. Ich wollte mich total hingeben und so aufgelöst, so exstatisch sein, dass ich direkt im Himmel, direkt im Herzen des Großen, Allmächtigen Lebens lande!
Und jetzt plötzlich bekriege ich sie direkt von Anfang an, schon bei der Verführung, sie - die Anwärterin für die Position der Frau meines Lebens, meiner Auserwählten, meist Vertrauten. So als ob sie die schlimmste Konkurrenz an der Börse sei. Ja, aber wie soll ich es anders machen, ich habe nur das mitbekommen: von meinen Eltern, vom Zusammenleben mit meinen Geschwistern, mit den Schulkameraden, Kommilitonen, Arbeitskollegen… Wer sollte mir etwas anderes beigebracht haben? Wer sollte mir die Kunst der Harmoniesuche, der Geduld, des Verständnisses, der ergänzenden Energien, der gemeinsamen Suche nach Lösungen auch in den schwierigsten Situationen, des stabilen Commitments zeigen? Mein Papa? Meine Schwester? Meine Biologielehrerin? Meine erste Geliebte von der Film- Leinwand? Die alten Troubadoure oder die tantrischen Lehren aus dem uralten Indien und China? Gab’s denn eigentlich jemals so etwas? Vielleicht ist so etwas ja nur Zukunftsmusik!?
Christian Morgenstern |