 Uschi Obermaier …ob Sie es mir glauben oder nicht, das gleiche habe ich mich auch neulich gefragt. Nicht dass ich nicht wüsste, dass sie eine Pop-Ikone der 68-er war. Nicht dass ich nicht wüsste, dass Anfang Februar ein Film über ihr Leben in den deutschen Kinos angelaufen ist. (Kinotrailer...)
Aber in Frankreich ist auch neulich ein Film über Edith Piaf, die legendärste Chanson Sängerin der Welt, gemacht worden (derselbe Film hat sogar die Ehre bekommen die diesjährige Berlinale zu eröffnen) und trotzdem haben die französischen Medien keinen Hysterie- Anfall deswegen bekommen. In Deutschland hingegen gab’s so gut wie kein (Druck-, Elektronisch- oder Internet) Medium, das nicht etwas über „die Uschi“ gebracht hat (eine Monatszeitung hat ihr sogar 20 Seiten gewidmet).
 Edith Piaf Also, warum verdient die jetzt 60-jährige Dame, die in relativer Abgeschiedenheit im tiefen Westen der USA als Schmuck Designerin alleine lebt, so viel Aufmerksamkeit? Singen wie „die Nachtigall“ Edith Piaf konnte sie nie (nicht mal annähernd schön)! Politisch war sie auch nicht aktiv, sie gesteht es selber, dass sie bei den langen revolutionär angehauchten Debatten in der legendären „Kommune 1“ in Berlin in den 68-ern eigentlich uninteressiert geschlafen habe.
Ja, was bleibt denn übrig? Bewundert man nicht in Deutschland die sexuelle Freiheit dieser „Ikone“? Ihr kompromissloses Halten an ihrem freien Willen, sich von den machtsüchtigen Männern nicht unterjochen zu lassen?
Ich glaube ja! Die Uschi fasziniert uns mit ihrer kompromisslosen Lebenslust, die sich in ihrem rebell- artigen Sexualleben widerspiegelte. Sie ist gerade Gegensatz zum verbreiteten Neokonservativismus im sexuellen Bereich. Für mich ist der so genannte „Neosex“ nur selbst - eingeredetes Desinteresse der „Coolen“ an der Sexualität. Das Resultat eines so enttabuisierten Triebes ist Langeweile. Das duldete die „gute Uschi“ auf keinem Fall.
Und ich vermute, dass bei diesem Gegensatz die alte Doppelmoral unserer westlichen Gesellschaft bezüglich Sexualität wieder mal eine Rolle spielt:
* So feiern wir z.B. den „Konsensualsex“ (wo sich die Partner über alles im Voraus austauschen und besprechen was beim Sex geht und was nicht) als neue Errungenschaft. Schön, demokratisch, könnte man sagen. Auf der anderen Seite beweisen die neueste Studien (wie z.B. „Stressless Sex“ der Initiative „Female Affairs“), dass nur drei von 20 Frauen mit ihrem Partner uneingeschränkt über Sex sprechen. Die Hälfte der Befragten redet sogar gar nicht mit dem Partner darüber. Was für ein Konsensus herrscht dann in unseren Betten?
* In den Kaffees und in den Schulhöfen wieselt es von übertrieben sexualisierter Sprache, wo das „Ficken“ in aller Munde ist und die Chat - Adressen viel versprechende Aufrufe (wie „Bums mich, Clown“) als Firmenüberschrift tragen. Nach dem Motto: je krasser der Ausdruck, desto beeindruckender! Wenn die gleichen aber über die eigenen Wünsche sprechen sollen und zwar am „Tatort“ der sexuellen Begegnung – dann verstummen sie wie die Fische! (beweisen die Ergebnisse einer Studie des Partnerschaftsprojekts „Theratalk“, UNI Göttingen) Von der Bewegung der „Asexuellen“ in den Vereinigten Staaten und hier bei uns brauche ich gar nicht zu reden. Und über die Kampagne der Republikaner „kein Sex vor der Ehe“, die zu gesteigerten Abtreibungsraten und zur Zunahme der sexuell übertragbaren Krankheiten bei den Jugendlichen geführt hat – noch weniger!!!
Was tun wir eigentlich mit unserer Sexualität? Wo ist der frische, ungezähmte, immer neue, erfinderische, leib- und geisterquickende Eros hin verschwunden? Haben alle berühmten Dichter, die „ihn“ und die Liebe so mit Lobpreis besangen in einer Illusion gelebt? Und was ist mit den Heiligen und Mystikern aller Religionen, die darin einen Weg zur Gotterkenntnis gefunden haben wollen (und immer noch finden)?
Also, jeder muss es für sich wissen, aber ich habe keinen Zweifel zu welchem Lager ich mich schlagen will. Wenn ich zwischen den depressiv – desorientierten („neosexy“) Typen und den begeistert – inspirierten Schriftstellern, Lebenskünstlern und Geistigen (auch der Gegenwart) wählen sollte, dann entscheidet sich mein ganzes Wesen für die Zweiten!
Christian Ramazzoti |