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Fünf Tage reden über Sex

Erfahrungsbericht vom WAS Kongress - Sidney 2007

Es war eine wunderbare Erfahrung bei diesem Kongress anwesend zu sein, wo Vorträge über ein Thema gehalten wurden, welches in meinem Land ein großes Tabu ist. Fünf ganze Tage lang konnte ich dem Thema Sexualität lauschen! Es hat mich sehr inspiriert zu sehen, wie Menschen ihr Leben der Freiheit von Minderheiten und deren sexuellen Rechten widmen, sowie dem Verbot jedweder Diskriminierungen, die sich auf die sexuelle Orientierung beziehen. Diese Menschen kämpfen wahrhaftig, mit Doktortitel oder ohne, in Bereichen der Gesetzgebung, Nichtregierungsorganisationen (NGO) und internationalen Institutionen, sei es im Krieg oder zu Friedenszeiten – ohne Werturteil, offen für neue Forschungen, neue Projekte und Programme – für das sexuelle Wohl aller Menschen.


Die Themen, die ich bei diesem Kongress am interessantesten fand waren „Sexuelle Rechte und Politik“, „Sexuelle Rechte alternativer sexueller Orientierungen“, „Sexuelle Erziehung in den unterentwickelten Ländern der Erde“ und „Sexuelle Erziehung im Allgemeinen“. Ich war fasziniert davon, wie Menschen verschiedener Teile des Globus für sexuelle Gesundheit, sexuelle Rechte und sexuelle Erziehung auf verschiedenen Gebieten (Medizin, Psychologie, Sexologie usw.) kämpfen.

Während des Kongresses, am 16. April, ereignete sich das Massaker der Virginia Tech University. Es war für mich eine tiefe Erfahrung an diesem Tag, die Worte des WAS Präsidenten Eusebio Rubio Aurioles zu hören. Was mich so tief berührte war zu sehen, dass fast jeder Zwischenfall mindestens eine kleine Verknüpfung mit dem Thema Sexualität hat (das Massaker war das Resultat von Beziehungsproblemen) und dass jeden Tag so viele Menschen aufgrund mangelnder und inadäquater sexueller und liebeserotischer Erziehung leiden und sogar sterben. Ich habe mich gefragt, ob wir, meine Freunde und ich, die wir so ein immenses Wissen über dieses Thema von dem Meister unserer Gemeinschaft, Aba Aziz Makaja, vermittelt bekamen, genug tun um anderen zu helfen? Tun wir genug um unser Wissen und unsere Erfahrung zu teilen? Meine Antwort ist, dass wir mehr tun müssen. Dies ist unsere natürliche Pflicht. Die Komaja Gesellschaften sind momentan die einzigen Organisationen im südslawischen Raum, die unaufhörlich an der Förderung der Deklaration der Sexualrechte der WAS in Südosteuropa arbeiten.

Sexpresso reporter and President of WAS- Dr. ColemanAm Ende des Kongresses sagte Aurioles, dass wir nach Hause gehen und hart für das Wohl dieser Welt kämpfen sollen. In unserem Alltagsleben können wir viele schlechte Beispiele um uns herum sehen, die auch motivierend auf uns wirken können: in den Familien, in der Uni, in der Schule. Was wirklich selten ist sind positive Beispiele. Und dies ist genau das, was meine Freunde und ich haben - durch die Art wie wir unser Leben führen, durch das lang andauernde (fast drei Jahrzehnte) soziale Experiment innerhalb der Komaja Gemeinschaft. Ich erlebe dies als wertvollen Gewinn, der die Vision von Eusebio Aurioles unterstützen könnte – die Vision der Welt zu helfen durch die Promotion und den Schutz der sexuellen Rechte für alle, durch fortschrittliche Geschlechtergleichberechtigung, durch den Kampf jedweder Art von sexueller Gewalt, durch eine umfassende Sexualerziehung, durch sexuelle Gesundheitsprogramme und durch die Anerkennung sexuellen Genusses als essentieller Bestandteil des Wohlbefindens. Nachdem ich seinen Worten zuhörte ist es mir klar: es gibt keine Zeit zu verlieren!

Der erste Vortrag von Eli Coleman mit dem Titel „Entwicklung von sexueller Identität, Barrieren zur Intimität und die Verbreitung sexueller Gesundheit“ war auch sehr beeindruckend. Die Schlüsselwörter waren „Mut, Vision und Handeln“. Nach dem Vortrag stellte ich fest, dass er eine sehr charismatische Person und ein außergewöhnlicher Pädagoge ist. Wir brauchen mehr von diesen herausragenden Persönlichkeiten dieses Kalibers. 
Diesen Kongress zu besuchen, gab mir die wertvolle Gelegenheit anderen Kulturen zu begegnen und an ihren Problemen teilzuhaben. Ich verliere mich oft bei dem Gedanken, dass mein Land in der Dunkelheit der Ignoranz weilt, wenn es um das Thema Sexualität geht und dass der Einfluss der Kirche viel zu groß ist; und teilweise bin ich auch verzweifelt, weil ich befürchte, dass sich diese Situation nicht so bald ändern wird. In Sydney sah ich ein Video zum Thema „Adoleszente Sexualerziehung als Mittel für die Stärkung von Frauen: die girls power experience Initiative GPI Nigeria“. Was ich in diesem Video sah, war, dass der kulturelle Hintergrund Nigerias eine Mischung ist aus dem Islam, dem Protestantismus, einem lokalen synkretistischen Christentum und dem Katholizismus. Hier gibt es große Armut und ein geringes Wirtschaftswachstum. Von dieser Warte aus gesehen hat mein Land Kroatien „lediglich“ mit den starken Einfluss der katholischen Kirche; und auch die wirtschaftliche Situation ist besser. Diese girls power Initiative hat es fertig gebracht in die Schulen zu gehen und dort Lehrer dazu zu bringen, mit Mädchen im Alter zwischen 10 und 18 Jahren über geschlechtsspezifische Themen wie Gesundheit, Selbstvertrauensstrategien sowie die Rechte und Bedürfnisse der Mädchen zu sprechen. Wenn sie dort, unter so schweren Bedingungen, Erfolg haben, dann sollte es doch für uns in Kroatien nicht so schwer sein…

Ein weiteres Highlight des Kongresses war die Debatte „Ist sexuelle Abstinenz ein essentielles Erziehungsmittel für Heranwachsende?“ Involviert in diese Debatte waren auf der einen Seite John Flemming, ein Priester und Lisa Brick vom John Paul II Institute for Marriage and Family“ mit Sitz in Melbourne, die die „pro Abstinenz“ Seite vertraten und auf der anderen Seite, Alain Giami vom Institut National de la Santé et de la Recherche Médicale und Maryanne Doherty von der University of Alberta, die die „gegen Abstinenz“ Seite als Hauptmittel sexueller Erziehung darstellten. Ich konnte beobachten, wie involviert das Publikum war, wie groß dieses Dilemma der sexuellen Erziehung und wie stark der Kampf zwischen religiösen Strömungen und wissenschaftlichen Kräften ist – und dies nicht nur in meinem Land, sondern weltweit.

Was mich positiv aufrüttelte war der Vortrag „Wenn Transsexuelle zu Vorbildern werden“ von Georgina Beyer. Beyer wurde mit klarer Mehrheit in den Carterton District Gemeinderat gewählt. So begann die Karriere eines farbigen Jungen vom Lande, der später ein Showgirl, Prostituierte und Schauspielerin wurde. 1995 wurde sie zur Bürgermeisterin von Carterton gewählt und 1998 mit einer weit größeren Mehrheit wieder gewählt! Sie ist eine Frau, die durch ihr freies und öffentliches Reden über ihre Vergangenheit und den Wechsel ihres Geschlechtes das Leben der anderen verändert. Für mich ist sie eine Inkarnation des Mutes par excellence und ein Musterbeispiel dafür, eigene Identität und Ideale offen zu legen.

Ein weiterer Tag, der mich besonders bewegte war der, an dem drei Komaja Gesellschaften („Gesellschaft für die Kultur der Liebe, Köln e.V.“, „Gesellschaft für die Entwicklung der Liebe und des Bewusstseins, Zagreb“, „Gesellschaft für die Entwicklung der Lebenskunst, Skopje“) Mitglieder der WAS wurden. Obwohl es einige administrative Probleme gab, wurden wir als vollwertige Mitglieder in die Assoziation gewählt. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass wir Teil wurden von etwas sehr wichtigem für meine und die anderen Nationen der Welt. Mein Gefühl war das folgende: wir sind jung, intelligent und authentisch, wir wollen lernen und wir haben unseren Platz in der WAS. Es war als seien wir gute Aliens, die gekommen sind ihren Beitrag für das Gute und Wohlergehen Vieler zu leisten. Wir waren auch direkt stimmberechtigt und so stimmten wir für die „Deklaration der sexuellen Gesundheit für das Millennium“. Das ist eine Reihe von Prioritäten, die Mitgliedern von Regierungen der Welt vorgeschlagen wurden, die verantwortlich sind für öffentliche Gesundheitsangelegenheiten und Erziehung. Ich hoffe aufrichtig, dass unsere Regierungen Augen haben werden für unsere Vision der Welt mit einem höheren Niveau sexueller Gesundheit und sexueller Erziehung. Und wenn nicht –werden wir ihnen dabei helfen!


Anja Gacic – Nirvana,
Präsidentin der Komaja Gesellschaft für die Entwicklung der Liebe und des Bewusstseins, Zagreb