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Ich liebe meine Klitoris
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Niemand wird sie wegschneiden, um nichts in der Welt…

Ich liebe meine Klitoris


 

Geschichte und Fakten

MadonnaDie Praxis der weiblichen Beschneidung ist alt und wurde bereits in Schriften, datiert vor Christus, gefunden. Eines der Dokumente ist ein griechischer Papyrus aus dem Jahre 200 v. Chr., ein weiteres ägyptisches Schriftstück stammt aus dem Jahr 500 v.Chr.

Von hier aus verbreitete sich die Frauenbeschneidung nach Afrika und den Mittleren Osten, wo sie heute noch mit einer geschätzten Zahl von 100 bis 140 Millionen an Mädchen und Frauen praktiziert wird. 2 Millionen weiterer Frauen stehen unter dem Risiko, sich dieser Beschneidung unterziehen zu müssen. Über Immigrationstrends hat diese Praxis nun auch ihren Weg in den Westen gefunden (Europa, USA, Kanada, Australien). Es wird geschätzt, dass in der EU 500.00 Frauen und Mädchen von Beschneidungen betroffen sind – einige von ihnen sind bereits beschnitten in die EU eingereist, andere werden in ihr Heimatland gebracht, um den Eingriff dort vornehmen zu lassen. Es gibt allerdings einen Fall in Schweden, wo ein Arzt diese OP im Rahmen des schwedischen Gesundheitsdienstes durchführte. Und es gibt Ärzte in der Harley Street in London, die ebenfalls bereit sind, diesen Eingriff vorzunehmen. II 

Der Grad der Frauenbeschneidung reicht von der Entfernung der Klitorishaube und Teilen der Klitoris bis hin zur Entfernung der Schamlippen und dem Zunähen der Vagina und weiteren extremen Praktiken einiger Stämme in verschiedenen Teilen der Welt.
Die angegebenen Gründe hierfür sindIII: Psychosexuelle Gründe, Dämpfung des weiblichen Sexualtriebes, wie auch das Erhalten von Keuschheit und Jungfräulichkeit; soziologisch begründete Initiation in die Weiblichkeit und Stammesriten; Gesundheit und Schönheit; der Mythos, dass die Klitoris als Gefahr für ein neugeborenes Baby und den Penis des Mannes angesehen wird („er wird abfallen, wenn er die Klitoris berührt“ – was für Kräfte dieses kleine Ding doch hat!).

Ein Beispiel

ayaan hirsi aliIch muss ehrlich sein und gestehen, dass es mir schwer fällt nicht zu richten. Ich war angewidert und erschüttert, als ich über diese Praktiken las, insbesondere von solchen australischer Stämme. Mir fällt es schwer zu glauben, dass Frauen es zulassen, dass ihnen so etwas widerfährt und dass sie dies einander weitergeben – die Mutter der Tochter, die Großmutter der Tochter, so wie im Fall von Ayaan Hirsi Ali. Ali ist eine prominente politische Person, die gezwungen wurde, diese Erfahrung in ihrer Kindheit zu machen. Hingegen begreife ich, dass dies nur ein anderer extremer Ausdruck dessen ist, wie Frauen unterdrückt und kontrolliert werden und es zulassen, dass dies geschieht.

Ali spricht von diesem Brauch und seinen Daseinsgründen in einem Interview in der UK´s Guardian Zeitung: „ Aus der Erfahrung heraus würde ich sagen es sind überwiegend Frauen, die andere Frauen vor Schmerz schützen wollen,“ erklärt sie „Nicht der körperliche Schmerz, sondern der Schmerz, dass Menschen argwöhnen, dass du keine Jungfrau mehr bist.
Das ist vielleicht noch traumatischer als der physische Schmerz. Im Stammesleben ist es so, dass ein Mann seinen Namen nur dann weitergeben kann, insbesondere wenn er im Clan sehr hochgestellt ist, wenn er sich sicher ist, dass die Frau sein eigenes Kind trägt – und das schwache Glied in dieser Kette ist die Frau. Der einzig garantierte Weg, dass eine Frau nicht die Kinder eines anderen Mannes gebiert ist, Jungfrau zu bleiben. In arabischen Ländern, in denen Männer und Frauen isoliert werden, erreichen sie dies dadurch, dass sie die Frauen im Haus halten. Aber wir stammen aus einem Wüstengebiet, wo du, wenn du wie mein Großvater 9 Töchter hast, deren Arbeitskraft draußen brauchst. Also schneidest du die Klitoris der Frau ab, nähst zusammen was noch geblieben ist und kannst sichergehen, dass sie nicht verführt wird. Es ist eine Angelegenheit der Kontrolle.“ IV


 

Warum akzeptieren wir Frauen diese Tortur?

Warum lassen wir es zu, dass unsere Vaginas beschnitten werden, so dass unsere Ehemänner sichergehen können, dass wir nicht von einem anderen flachgelegt wurden, dass wir nicht verführt werden? Ist unsere Sexualität so unkontrolliert, dass wir nicht entscheiden können mit wem und wann wir Sex haben, dass sich unsere Beine für jeden Beliebigen spreizen werden? Akzeptieren die Frauen in Afrika, akzeptieren wir, dass unsere Vaginas geschlachtet werden, um uns davon abzuhalten, dass wir uns in unserer Sexualität verlieren?

Natürlich akzeptieren wir in der „zivilisierten Welt“ solche Praktiken nicht – würde jeder sagen. Aber ich finde wir tun dasselbe, nur viel subtiler. Wir erlauben uns derart von unseren Partnern abhängig zu sein, dass wir z.B. nicht unsere volle sexuelle Freiheit leben. Wir „dienen“ unseren Männern beim Sex auf die Weise, dass es zunächst gut für sie sein soll und dann eventuell auch für uns. (Es gibt verschiedene Studien zur Orgasmusfähigkeit der Frau – Adler fand heraus, dass 80% der Frauen keinen Orgasmus während des Liebemachens erleben; Kinsey kam auf 75%.)
Warum tun wir das, warum tue ich das?

Auf der einen Seite ist es mein Wunsch die Verantwortung für mich nicht zu übernehmen, es soll jemand anderes für mein Glück (sexuelles und andere Arten) verantwortlich sein. Auf der anderen Seite habe ich bemerkt, dass ich Angst habe vor meiner eigenen Freiheit. Warum ist das so erschreckend? Was würde mir geschehen, wenn ich wirklich losließe? Wird mein Mann gehen (oder wird mein Vater wieder gehen), werde ich sitzen gelassen, ausgestoßen von der Gesellschaft, werde ich alleine sein – das ist eine schreckliche, entsetzliche Angst. Es hat nichts mit meinem Partner zu tun –  ich schneide mir selbst die „Klitoris“ ab, sobald ich einen Kompromiss eingehe. Ich kontrolliere mich und erlaube mir nicht frei zu sein – frei in dem Sinne, einfach glücklich zu sein im Leben, mit Freunden, Liebhabern, mich daran zu erinnern, dass mein Mann nicht der einzige Fisch im Meer ist, natürlich und ehrlich mir selbst gegenüber zu sein und zu wissen, dass mein Leben Teil eines viel größeren Bildes ist als jenes, welches ich gerade vor meinen Augen sehe.



Die Quellen:

I/II - http://www.fgmnetwork.org/Lightfoot-klein/prisonersofritual.htm
III  - http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs241/en/
IV  - http://www.guardian.co.uk/g2/story/0,3604,1485350,00.html