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Argentinien 2012

Kaum zu Glauben


In Argentinien darf jede und jeder selbst das eigene Geschlecht bestimmen – ganz ohne Hormonbehandlung oder Chirurgie. Es ist ein weltweit einmaliges Gesetz. Kaum zu glauben

Mit über 1000 Gleichgesinnte hatte die Vorsitzende der argentinischen Transvestiten-, Transsexuellen- und Transgeschlechtervereinigung vor dem Kongressgebäude in der Hauptstadt Buenos Aires ausgeharrt. Gewartet hatte sie auf die Abstimmung zum Gesetz über die Geschlechteridentität.

Zukünftig kann in Argentinien jede und jeder ihre und seine Geschlechtszugehörigkeit frei und selbst bestimmen. Der Senat votierte
mit 55 Stimmen dafür, 17 Senator/innen enthielten sich, Gegenstimmen gab es keine. Da das Abgeordnetenhaus bereits im November 2011 zugestimmt hatte, brandete vor dem Kongress der Jubel auf.

Nach dem Gesetz wird die Geschlechtszugehörigkeit allein durch das innere und individuelle Erleben des Geschlechts bestimmt, so „wie es jede Person fühlt“, unabhängig von der Geschlechtsbestimmung bei der Geburt. Auch der bisher notwendige medizinische Nachweis einer Geschlechtsumwandlung ist abgeschafft. Die nationalen Meldestellen werden jetzt angewiesen, Änderungen in Geburtsurkunden und Ausweispapieren gratis vorzunehmen.

Vorbei sind die Zeiten, in denen die Betroffenen vor Gericht ziehen mussten und in langwierigen Prozeduren die Änderung ihres Namens und der Geschlechtseintragung im Personenregister erkämpfen mussten. Minderjährigen garantiert das Gesetz ebenfalls die freie Geschlechterwahl. Sollten Eltern oder andere Erziehungsberechtigten die notwendige Zustimmung verweigern, kann die minderjährige Person einen sogenannten Kinderanwalt anrufen. Zudem wurden die öffentlichen und privaten Krankenversicherungen zur Kostenübernahme von geschlechtsverändernden Behandlungen und Eingriffen verpflichtet. Damit werden auch hier jahrelange Wartezeiten und bisher notwendige richterliche Genehmigungen abgeschafft.

Argentinien übernimmt damit nach der Verabschiedung des Gesetzes zur Zulassung der Ehe von gleichgeschlechtlichen Paaren im Jahr 2010 abermals eine Vorreiterrolle in Lateinamerika. Für Justus Eisfeld von der New Yorker ‘Global Action for Trans Equality’ hat das argentinische Gesetz sogar einen weltweiten Vorbildcharakter. „Das ist dem, was in den meisten Ländern gilt, um Lichtjahre voraus,“ so Eisfeld. „Die Tatsache, dass keinerlei medizinische Anforderungen gestellt werden, wie Chirurgie, Hormonbehandlung oder auch nur eine Diagnose, ist weltweit einmalig.“

Dass die Präsidentin mit ihrer Unterschrift das Gesetz in Kraft setzt, daran zweifelt niemand. Mit Lob für Cristina Kirchner wurde denn auch nicht gespart. „Seit der Regierung Perón bis heute hat man uns weitgehend ignoriert. Diese Präsidentin ist die erste, die uns den Platz gegeben hat, der uns zusteht,“ sagt Malva, die mit ihren 90 Jahren als die älteste Transvestitin des Landes gilt.

Auch wenn sie politisch mit der Präsidentin in vielem nicht übereinstimme, „Cristina Kirchner war die einzige Präsidentin, die uns Transvestiten empfangen hat,“ so Malva. Sie werde ihre Ausweise jedoch nicht mehr ändern lassen. „Auf der Straße begrüßen sie mich mit Señora, am Bankschalter mit Señor.“ Ihr mache das schon lange nichts mehr aus. Dieses Gesetz sei wichtig für die kommende Generation. „Auf dass sie alles genieße, was wir nicht genießen durften.“